Michael Buthe

Die Tagebücher und Buchobjekte 1963–1994
27. April – 13. Juli 2019

Michael Buthe, dessen 75. Geburtstag und 25. Todestag sich 2019 jähren, gehört zu den faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegskunst. Die raumgreifenden Installationen und Skulpturen, materialreichen Assemblagen und spirituell aufgeladenen Gemälde des viermaligen Documenta-Teilnehmers fanden Eingang in die Sammlungen vieler deutscher und führender ausländischer Museen, darunter die Tate Modern und das Centre Georges Pompidou.

Dass Buthes farbintensives Werk in einem konzeptuellen Kunstverständnis wurzelt und sich nicht in einer unbeschwerten, ästhetisierenden Rezeption des Orients erschöpft, zeigt keine seiner Werkgruppen so eindringlich und berührend wie die sogenannten Tagebücher. Diese Künstlerbücher, die er mit den Mitteln von Zeichnung, Malerei, Collage und Assemblage – jedoch kaum mit Schrift und Text – gestaltete, geben nicht nur einen umfassenden Einblick in sein Gesamtwerk, sie spiegeln auch sein gesamtes Leben: die prägende Jugend- und Studienzeit in Höxter und Kassel (bis 1968), sein Schaffen im Kreise der Künstlerfreunde in Köln (bis zu seinem Tod 1994), das Leben im zweiten Wohnsitz Marrakesch (seit 1986) und schließlich seine ausgedehnten Reisen in den Orient.

Die Tagebücher und Buchobjekte dokumentieren damit eine Gleichsetzung von Kunst und Leben, wie sie zwar viele Zeitgenossen proklamiert haben, die aber kaum jemand so konsequent umgesetzt hat wie Buthe.

Weil die Tagebücher seine gesamte künstlerische und biografische Entwicklung geradezu seismografisch verzeichnen, hat er nur wenige dieser Werke verkauft oder verschenkt: Die meisten verblieben bis zu seinem frühen Tod in seinem Besitz und können nun erstmals – in enger Zusammenarbeit mit dem Michael Buthe Estate – fast vollzählig ausgestellt werden.

Die ersten Buchobjekte stammen aus den frühen 1960er Jahren. Mit Klebestreifen bandagierte der Künstler gefundene oder antiquarisch erworbene Notizbücher, sodass sie ihre Inhalte nicht mehr preisgeben können und diese geradezu mystifizieren. Auch andere Tagebücher aus dem Frühwerk zeugen von Buthes künstlerischen Wurzeln in der Konzeptkunst und der Arte povera: Die Materialien sind kostengünstig, spröde und zugleich sinnlich.

Die berühmten Marokkoreisen, die Buthe 1970 und 1972 unternahm, sorgten für eine künstlerische Zäsur, die sich auf Motivik, Stilistik und Materialeinsatz auswirkte. Sein Werk wurde spielerischer, farbenfroher, kontrastreicher und opulenter. Zunehmend emanzipierte der Künstler seine Gemälde und Zeichnungen von den starren Beschränkungen der Malgründe: Durch die geradezu skulpturale Verwendung von Collage und Assemblage eroberte er den Raum außerhalb des zweidimensionalen Bildträgers – Bildkörper entstanden. Aus Buthes intensiver Auseinandersetzung mit den Gestaltungsmöglichkeiten der Collage in den 1970er Jahren erwuchsen collagenbasierte Tagebücher, deren Größe sich oft durch Klappelemente vervielfachen lässt. Sie stehen in engem Zusammenhang mit den ausgedehnten Reisen, die Buthe vorrangig in nichteuropäische Länder führten, beispielsweise nach Nigeria, Afghanistan, Usbekistan, Ägypten, Kuwait, Tunesien, Israel, Jordanien und in den Iran. Hier nutzte Buthe die Collagetechnik, um die flüchtigen und überbordenden visuellen Eindrücke rascher als in Zeichnungen und Gemälden festhalten zu können: Die Tagebücher wurden tragbare Ateliers, in denen Buthe selbst im Zug oder am Flughafen arbeiten konnte. Und nicht allein die handlichen Formate begleiteten den Künstler auf seinen abenteuerlichen Reisen; für das größte Buch dieser Ausstellung fertigte seine Weggefährtin Hannelore Kunert sogar eine maßgeschneiderte Reisetasche.

Die Tagebücher sind folglich elementarer Bestandteil des Kosmos von Michael Buthe. Sie zeigen die ganze Bandbreite seiner Eindrücke, Erlebnisse, Begegnungen, künstlerischen Interessen und Entwicklungslinien. Dadurch werden sie zum Schlüssel für Werk und Leben eines Ausnahmekünstlers, wie es der Schauspieler Udo Kier, mit dem Buthe oft zusammenarbeitete, auf den Punkt bringt: „Was Michael Buthe erlebt hat, lässt sich rekonstruieren. Aber wie er dabei empfunden hat, das ist nur in diesen Tagebüchern nachzuvollziehen.“

Die ausgestellten Werke stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus dem Michael Buthe Estate. Sie sind nicht verkäuflich.

 

Publikationen

Anlässlich der Ausstellung erscheint ein Faksimile des Tagebuchs Der Vorfall mit dem Körbchen (1989–91) in limitierter und nummerierter Auflage. Es kann in der Galerie erworben werden.

Ab Sommer 2019 erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König das Werkverzeichnis von Michael Buthe. Der erste Band versammelt sämtliche Tagebücher und Buchobjekte.